Lern Dich selbst (neu?) kennen - Dein Risikoprofil

Rope-Bondage-Sessions können sehr intensive körperliche und emotionale Erlebnisse sein, die oft mit einer besonderen Selbstwahrnehmung einhergehen: Beispielsweise kann mensch sich einerseits gefangen und bewegungsunfähig, ausgeliefert fühlen - und gleichzeitig aufgefangen, nah, geliebt und geborgen. Vielleicht lernt man im Seil auch ganz neue Seiten von sich kennen: Schmerzliebe oder das Gefühl, sich verletzlich zeigen zu können. Shibari kann eine große Vielfalt von Emotionen hervorrufen. Gerade weil diese Erlebnisse so intensiv sein können, ist es wichtig, dass deren Rahmen zuvor gut absteckt werden. Dabei hilft die Erstellung eines eigenen Risikoprofils. 

Was ist überhaupt ein Risikoprofil und wie findet man sein eigenes? 

Was könnte in einer Session schief gehen? Wie schätze ich meine persönlichen Risiken damit ein? Kann ich die Konsequenzen akzeptieren, wenn etwas schief geht? Dein Risikoprofil umfasst alle Risiken, die du beim Seilen bewusst bereit wärst einzugehen und deren Folgen du bereit bist zu akzeptieren, wenn es schief geht. Ein Risikoprofil ermöglicht es dir, alle möglichen Dinge zu berücksichtigen, die schiefgehen könnten, damit du entscheiden kannst, ob sie überhaupt in Frage kommen.

Wenn ich gefesselt werde, weiß ich und akzeptiere ich es, dass ich blaue Flecken und Rope Marks als sichtbare Spuren davontragen kann. Ich weiß auch, dass bei herausfordernden Seilungen von Muskelkater bis zu Zerrungen, Sehnenentzündungen und Nervenschäden alles passieren kann. Wo genau läuft für mich die Grenze des Erträglichen und Akzeptablen? Ich lege für mich - auch tagesabhängig - immer wieder fest, was für mich okay ist und was nicht. 

Das Risikoprofil spielt eine zentrale Rolle in den BDSM-Konzepten RACK (Risk-Aware Consensual Kink) und PRICK (Personal Responsibility, Informed Consensual Kink):

Bei RACK steht das Risikobewusstsein im Vordergrund: Die Spielpartner*innen sollen sich den Risiken bewusst sein, die mit bestimmten Praktiken verbunden sind und es wird anerkannt, dass keine Aktivität absolut sicher sein kann. Daher wird erwartet, dass sich die Beteiligten umfassend über die Praktiken und deren Risiken informieren. Die Spielpartner*innen sollen ihre Grenzen kennen, Wünsche kommunizieren und Grenzen aktiv mit Partnern aushandeln.Die Basis des gemeinsamen Spiels ist der informierte Konsens.

PRICK baut auf RACK auf und betont zusätzlich die persönliche Verantwortung: Alle Spielpartner*innen sind für ihre eigene Sicherheit und ihr Handeln verantwortlich.

Ein Risikoprofil ordnet deine Grenzen/Limits auch in einen größeren Zusammenhang ein. Wenn du beispielsweise einer Tätigkeit nachgehst, in der Deine Hände tadellos funktionieren müssen, kannst du mit einem Risikoprofil sicherstellen, dass diese beim Spiel besonders geschützt werden - und falls etwas schiefgeht, diese auch Priorität bei der Versorgung haben. Für dein Gegenüber ist dieser Kontext sehr wahrscheinlich aufschlussreicher, als wenn du nur sagst: Meine Hände dürfen nicht gefesselt werden. 

Dein Risikoprofil kann mit anderen Partnern oder Spielarten sehr unterschiedlich ausfallen. Die Erstellung eines Risikoprofils ist ein fortlaufender Prozess, der sich mit neuen Erfahrungen weiterentwickeln kann.

Informierter Konsens

Das eigene Risikoprofil unterliegt immer das Ergebnis deiner eigenen Wahl. Um das eigene Risiko abschätzen zu können, muss man wissen, was es überhaupt für Risiken gibt. Daher spricht man vom “informierten Konsens”: Weiß man etwas nicht oder kennt es nicht, kann man auch keine Einwilligung dafür geben. Grundsätzlich ist alles im BDSM-Bereich okay, solange es nicht gefährlich oder schädigend ist und sich zwei (oder mehr) Menschen finden, die ihre informierte Einwilligkeit dafür geben. Unter Druck oder Drogenkonsum oder in sehr emotionalen Verfassungen, kann man keine freie Einwilligung geben.

Konsens sollte beim Seilen inklusiv sein - und nicht exklusiv. Also man bespricht zuvor, was alles in einer Session passieren (inkludiert sein) darf, und alles andere ist demnach außen vor. Das ist einfacher und sicherer, als exklusiven Konsens zu geben - also nur alles das auszuschließen, was nicht passieren sollte.

Wie erkenne ich mein eigenes Risikoprofil? Nimm dir ein wenig Zeit und gehe zuerst die folgenden Fragen für dich durch:

Physische Aspekte:

  • Liste alle relevanten medizinischen Informationen auf, die für eine Seil-Session relevant sein könnten. Nimmst du Medikamente, hast du Allergien, Verletzungen, chronische Krankheiten oder körperliche Einschränkungen?
  • Notiere Körperstellen, die besonders empfindlich sind. Kläre ab, wo und wie du berührt werden möchtest und wo nicht
  • Sexuelle Interaktionen: Magst Du das überhaupt im Seil? Was, wo und wie ist okay für dich und was nicht?

Psychische Aspekte:

  • Reflektiere über mögliche emotionale Trigger oder traumatische Erfahrungen. 
  • Fühl in dich hinein, welche Gefühle du im Seil erleben willst und welche nicht.
  • Wenn du geseilt wirst, kann es zu einem intensiven Erleben von Verletzlichkeit, Dominanz und Unterwerfung zwischen der seilenden und geseilten Person kommen. Wie gehst du damit um?

Persönliche Grenzen und Wünsche:

  • Definiere klare persönliche Grenzen, sowohl körperliche als auch emotionale.
  • Überlege dir zuvor, welche Praktiken oder Positionen du ausprobieren möchtest und welche nicht.
  • Überlege dir, wie du während einer Session nach deinem Wohlbefinden befragt werden möchtest.
  • Welche speziellen Anforderungen hast du an das sogenannte Aftercare nach einer Seil-Session?
  • Überlege dir Safewords und Gesten oder ein anderes Sicherheitssystem, wie beispielsweise die Ampel, um deinen Zustand in aller Kürze mitteilen zu können.

Vergleich dich nicht mit anderen. Lerne, auf dich selbst zu hören. Nimm dir Zeit mit der seilenden Person, um über die Erlebnisse zu reflektieren. Hab Spaß am Wissens- und Erfahrungsaustausch mit anderen Bottoms. Auch wenn gerade am Anfang der Wunsch groß ist, gleich alles auf einmal zu erleben, ist es besser, wenn man sich schrittweise an die eigenen Grenzen annähert und manchmal auch herausfordernde Dinge im Seil aufs nächste in Mal verschiebt.

Auch eine von Bottom geführte Seil-Session kann hilfreich sein, um herauszufinden, was sich gut an fühlt und was überhaupt nicht. Dabei gibt Bottom vor, was gefesselt werden soll - wie intensiv oder fest und Rope Top versucht die Wünsche von Bottom unter Beachtung von technischen und sicherheitsrelevanten Aspekten umzusetzen. Auf Shibari Study gibt es Videos zum Thema “bottom led tying”. 

Noch viel mehr über die Themen Konsens und Kommunikation findet ihr im gleichnamigen Artikel von Miss Kiki im Shibari Flow Band 1.