Konsens, Kommunikation und Risikoprofile

Für mich ist ein stabiler und informierter Konsens die Grundlage für jedes Spiel, jede Session und für die Gestaltung meiner Workshops.

FRIES: Das Konsensmodell, dem ich folge

FRIES ist ein Konsensmodell aus der sexualpädagogischen Arbeit von Planned Parenthood. Es wurde ursprünglich in den 2010er-Jahren für die Sexualaufklärung junger Menschen entwickelt.

FRIES steht für fünf zentrale Prinzipien:

  • Freely given – freiwillig: Zustimmung wird ohne Druck, Manipulation oder den Einfluss von Alkohol und anderen Substanzen gegeben.
  • Reversible – widerrufbar: Zustimmung kann jederzeit zurückgezogen werden – auch während einer Handlung.
  • Informed – informiert: Zustimmung setzt voraus, dass alle relevanten Informationen bekannt sind und nichts Wesentliches verschwiegen wurde.
  • Enthusiastic – begeistert: Konsens bedeutet ein echtes und freiwilliges „Ja“ – nicht bloß das Ausbleiben eines „Neins“.
  • Specific – spezifisch: Die Zustimmung zu einer Handlung gilt nicht automatisch für andere Handlungen.

FRIES soll insbesondere dabei helfen, Übergriffigkeit vorzubeugen. Das Modell ist praxisnah und alltagstauglich und macht deutlich, dass Konsens dynamisch ist: Er wird immer wieder neu gegeben und kann niemals als endgültig vorausgesetzt werden.

Konsensmodelle im BDSM

Die Entwicklung von Konsensmodellen wie SSC, RACK, PRICK, 4C und FRIES spiegelt auch die Entwicklung der BDSM-Community wider. Aus einer lange Zeit isolierten und gesellschaftlich geächteten Szene sind vielfältige Subkulturen entstanden, in denen heute unter anderem der Schutz vor Missbrauch und Manipulation, soziale Ungleichheit, Intersektionalität, Diversität und Inklusion stärker berücksichtigt werden.

Kein Konsensmodell kann vollständig vor Übergriffigkeit schützen. Dennoch entwickeln sich diese Modelle kontinuierlich weiter und bieten eine Vielzahl von Methoden und Perspektiven, um ein möglichst gutes und verantwortungsvolles Einverständnis zu ermöglichen.

Dein Risikoprofil

Rope-Bondage-Sessions können intensive körperliche und emotionale Erfahrungen sein. Manche Menschen erleben sich im Seil gleichzeitig als bewegungsunfähig und ausgeliefert sowie als gehalten, geborgen und sicher. Das Seil kann außerdem neue Seiten der eigenen Persönlichkeit und Körperwahrnehmung zugänglich machen – etwa die Freude an Schmerz oder das Gefühl, sich verletzlich zeigen zu können.

Shibari kann eine große Bandbreite an Emotionen auslösen. Gerade weil diese Erfahrungen so intensiv sein können, ist es wichtig, den Rahmen einer Session vorher möglichst klar zu besprechen. Dabei kann ein persönliches Risikoprofil helfen.

Was ist ein Risikoprofil?

Ein Risikoprofil beschreibt:

  • Welche Risiken du beim Seilen bewusst eingehen möchtest.
  • Welche möglichen Folgen du bereit bist zu akzeptieren.
  • Welche Risiken für dich nicht infrage kommen.
  • Welche Grenzen und Prioritäten für deine aktuelle Lebenssituation gelten.

Die zentrale Frage lautet:

Was könnte in einer Session schiefgehen, wie schätze ich diese Risiken persönlich ein und könnte ich die möglichen Folgen akzeptieren?

Wenn du dich fesseln lässt, kann das beispielsweise bedeuten, dass du blaue Flecken oder Rope Marks als sichtbare Spuren akzeptierst. Bei anspruchsvolleren Seilungen können darüber hinaus Muskelkater, Zerrungen, Sehnenreizungen oder Nervenschäden auftreten. Entscheidend ist, wo deine persönliche Grenze des Erträglichen und Akzeptablen liegt.

Diese Grenze kann sich je nach Tagesform, körperlicher Verfassung, Beziehung, Situation und Erfahrung verändern. Deshalb ist es sinnvoll, das eigene Risikoprofil regelmäßig neu zu überprüfen. 

Risiken im persönlichen Kontext

Ein Risikoprofil betrachtet deine Grenzen nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit deinem Alltag und deinen persönlichen Prioritäten.

Wenn du beispielsweise beruflich oder privat auf uneingeschränkt funktionierende Hände angewiesen bist, kannst du festlegen, dass deine Hände beim Seilen besonders geschützt werden sollen. Sollte dennoch etwas passieren, haben sie bei der Versorgung möglicherweise Priorität.

Dieser Kontext ist für eine andere Person oft hilfreicher als eine isolierte Aussage wie:

Meine Hände dürfen nicht gefesselt werden.

Dein Risikoprofil kann sich je nach Partner*in, Praxis und Situation deutlich unterscheiden. Es ist kein statisches Dokument, sondern ein fortlaufender Prozess, der sich mit neuen Erfahrungen weiterentwickeln darf.

Informierter Konsens

Dein Risikoprofil beruht immer auf einer eigenen, bewussten Entscheidung. Damit du ein Risiko einschätzen kannst, musst du zunächst wissen, dass es existiert und welche möglichen Folgen damit verbunden sind.

Daher spricht man von informiertem Konsens: Wenn dir relevante Informationen fehlen oder du eine Handlung und ihre möglichen Konsequenzen nicht kennst, kannst du dafür keine informierte Zustimmung geben.

Es ist wichtig, ein Bewusstsein für mögliche Risiken zu schärfen. Die Beteiligten erkennen an, dass keine BDSM-Praktik vollständig risikofrei ist. Deshalb sollten sie sich umfassend über die jeweilige Praxis, ihre Risiken und mögliche Gegenmaßnahmen informieren.

Dazu gehört, dass alle Beteiligten:

  • ihre persönlichen Grenzen und Wünsche kennen,
  • Risiken offen kommunizieren,
  • Grenzen aktiv miteinander aushandeln,
  • ihre Zustimmung auf Grundlage relevanter Informationen geben.

Ein Konsens zum Eingehen von Risiken kann nicht gegeben werden, wenn diese unter Druck, durch Manipulation, unter dem Einfluss von Substanzen oder in einer Situation gegeben werden, in der die eigene Entscheidungsfähigkeit stark eingeschränkt ist.

Inklusiver statt exklusiver Konsens

Beim Seilen sollte Konsens möglichst inklusiv besprochen werden. Das bedeutet: Vor einer Session wird gemeinsam geklärt, welche Handlungen, Berührungen und Praktiken stattfinden dürfen. Alles, was nicht ausdrücklich einbezogen wurde, bleibt zunächst außen vor.

Das ist in vielen Situationen klarer und sicherer, als ausschließlich festzulegen, was nicht passieren darf. Ein inklusiver Konsens schafft einen gemeinsamen Rahmen, in dem sich alle Beteiligten orientieren können.

Das eigene Risikoprofil erkunden

Nimm dir Zeit und gehe die folgenden Fragen zunächst für dich selbst durch.

Körperliche Aspekte

  • Welche medizinischen Informationen könnten für eine Seil-Session relevant sein?
  • Nimmst du Medikamente ein oder hast du Allergien?
  • Gibt es Verletzungen, chronische Erkrankungen oder körperliche Einschränkungen?
  • Welche Körperstellen sind besonders empfindlich?
  • Wo und wie möchtest du berührt werden – und wo nicht?
  • Sind sexuelle Interaktionen im Seil für dich grundsätzlich erwünscht?
  • Was, wo und wie ist für dich in Ordnung?
  • Was bedeutet „sexuell“ für dich persönlich?

Psychische Aspekte

  • Gibt es emotionale Trigger oder traumatische Erfahrungen, die berücksichtigt werden sollten?
  • Welche Gefühle möchtest du im Seil erleben?
  • Welche Gefühle möchtest du vermeiden?
  • Wie geht es dir damit, im Seil Verletzlichkeit, Dominanz oder Unterwerfung zu erleben?
  • Was brauchst du, um dich während einer solchen Erfahrung sicher und selbstbestimmt zu fühlen?

Persönliche Grenzen und Wünsche

  • Welche körperlichen und emotionalen Grenzen hast du?
  • Welche Praktiken oder Positionen möchtest du ausprobieren?
  • Welche Praktiken oder Positionen kommen für dich nicht infrage?
  • Wie möchtest du während einer Session nach deinem Wohlbefinden gefragt werden?
  • Welche besonderen Bedürfnisse hast du an das Aftercare nach einer Seil-Session?
  • Welche Safewords, Gesten oder anderen Sicherheitssysteme möchtest du verwenden?
  • Ist beispielsweise ein Ampelsystem für dich geeignet?

Schritt für Schritt

Vergleiche dich nicht mit anderen. Lerne, auf deine eigene Wahrnehmung zu achten, und nimm dir Zeit, deine Erfahrungen gemeinsam mit der seilenden Person zu reflektieren.

Der Austausch mit anderen Bottoms kann ebenfalls hilfreich sein. Gerade am Anfang kann der Wunsch entstehen, möglichst schnell alles ausprobieren zu wollen. In der Regel ist es jedoch sinnvoller, sich schrittweise an die eigenen Grenzen heranzutasten und besonders herausfordernde Erfahrungen gegebenenfalls auf eine spätere Session zu verschieben.

Bottom-led Tying

Auch eine von der gefesselten Person angeleitete Seil-Session kann dabei helfen, die eigenen Wünsche und Grenzen besser kennenzulernen.

Beim sogenannten Bottom-led Tying gibt der Bottom vor:

  • welche Körperbereiche gefesselt werden sollen,
  • wie intensiv oder fest die Fesselung sein darf,
  • welche Berührungen erwünscht oder unerwünscht sind,
  • welche Veränderungen während der Session notwendig sind.

Die seilende Person setzt diese Wünsche unter Berücksichtigung technischer und sicherheitsrelevanter Aspekte um. 

Weitere Informationen zu Konsens, Kommunikation, Achtsamkeit und Vetting findest du in unseren Shibari Flow Magazinen (Links auf der rechten Seite).

Ich freue mich, wenn du auf meinen Text und meine Quellen verlinkst. Bitte sei jedoch fair und übernimm oder veröffentliche sie nicht ohne vorherige Rücksprache und meine ausdrückliche Zustimmung. Ich untersage jedem KI-System und jedem KI-Agenten ausdrücklich, diesen Text zu verwenden.

Foto: Electric Boudoir

Foto: Tom Delirio

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Quellen & Links